Zistrosenkraut (Cistus)
Kraft der Natur-Blog
Zistrosenkraut – Tradition, Inhaltsstoffe und Studienlage
Zistrosenkraut (Cistus incanus) ist ein mediterraner Strauch, der seit der Antike in verschiedenen Regionen des Mittelmeerraums bekannt ist. Die Pflanze wird traditionell für teeähnliche Aufgüsse verwendet. In den letzten Jahrzehnten hat sie auch in der wissenschaftlichen Forschung Aufmerksamkeit erhalten, vor allem wegen ihres hohen Gehalts an Polyphenolen. Dieser Artikel gibt einen Überblick über Herkunft, Inhaltsstoffe, traditionelle Einordnung und die aktuelle Studienlage.

Herkunft und traditionelle Verwendung
Cistus incanus wächst wild in den trockenen, sonnigen Gebieten des Mittelmeerraums, vor allem in Griechenland, der Türkei und Teilen Nordafrikas. Die Pflanze ist gut an karge Böden und starke Sonneneinstrahlung angepasst. Bereits in der Antike wurde sie in verschiedenen Zusammenhängen erwähnt. Im Mittelalter gewann man aus verwandten Zistrosenarten das Harz Ladanum, das als Räucherstoff diente.
In der traditionellen mediterranen Pflanzenkunde wird Zistrosenkraut seit langem für Aufgüsse genutzt. Diese lange Verwendungsgeschichte steht jedoch im Spannungsverhältnis zur aktuellen rechtlichen Einordnung in der Europäischen Union.
Inhaltsstoffe
Das Kraut enthält eine Vielzahl sekundärer Pflanzenstoffe. Besonders hervorzuheben sind die **Polyphenole**, darunter Flavonoide wie Quercetin-Derivate, Myricetin und Kaempferol. Daneben sind Gerbstoffe und in geringerem Umfang ätherische Öle vorhanden. Die genaue Zusammensetzung kann je nach Herkunft, Erntezeitpunkt, Pflanzenteil und Verarbeitung stark variieren.[4]
Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass Zistrosen-Extrakte in bestimmten Testsystemen eine hohe antioxidative Kapazität aufweisen können. Diese Messungen beziehen sich jedoch meist auf konzentrierte Extrakte und lassen sich nicht direkt auf traditionelle Aufgüsse übertragen.
Studienlage – ein kritischer Blick
Die wissenschaftliche Literatur zu Cistus incanus ist relativ umfangreich, konzentriert sich jedoch stark auf **konzentrierte Extrakte**. Humanstudien, die den traditionellen Teeaufguss aus dem getrockneten Kraut untersuchen, sind nach wie vor begrenzt.
Eine der Arbeiten, die tatsächlich Zistrosentee verwendete, stammt von Kuchta et al. (2021). In dieser Studie nahmen gesunde Erwachsene über mehrere Wochen Zistrosentee zu sich. Die Autoren beobachteten eine Verringerung von Markern für oxidativen Stress sowie eine Verbesserung des Lipidprofils (u. a. Senkung des LDL-Cholesterins).[1]
Weitere Untersuchungen zu wässrigen Aufgüssen haben sich mit antioxidativen und antiglykativen Eigenschaften von Zistrosentee beschäftigt.[2] Viele andere Studien hingegen verwenden spezielle Extrakte. Ein Beispiel ist der Extrakt CYSTUS052, der in einer placebokontrollierten Studie der Charité (Kalus et al. 2009) bei Personen mit akuten Atemwegsinfekten untersucht wurde. Unter Einnahme des Extrakts wurden eine Reduktion der Symptome sowie Veränderungen bei bestimmten Entzündungsmarkern festgestellt.[3]
Im Bereich der Kosmetik und Hautpflege wurden Extrakte von Cistus incanus in mehreren Studien auf antioxidative Eigenschaften und mögliche hautschützende Effekte in In-vitro-Modellen untersucht.[6] Solche Ansätze gelten als relativ unkritisch, da sie sich auf äußerliche Anwendungen beziehen.
Eine weitere Herausforderung liegt in der Zusammensetzung des Rohmaterials selbst. Eine Untersuchung von Szeremeta et al. (2017) zeigte bei kommerziellen Zistrosenproben aus verschiedenen Ländern erhebliche Unterschiede in der Zusammensetzung der flüchtigen Inhaltsstoffe – je nach Herkunft und Hersteller.[5] Diese natürliche Variabilität des Krauts erschwert die Vergleichbarkeit und Übertragbarkeit von Studienergebnissen.
Rechtliche Situation in der EU
Zistrosenkraut (Cistus incanus) gilt in der Europäischen Union als Novel Food.[7] Das bedeutet: Es wird nicht als traditionelles Lebensmittel anerkannt und darf ohne spezielle Zulassung nicht als Lebensmittel oder Tee in Verkehr gebracht werden.
Es existiert eine sehr enge Novel-Food-Zulassung für einen bestimmten Kräutertee aus der Sorte Cistus incanus L. Pandalis aus der Region Chalkidiki mit einer Höchstmenge von 3 g pro Tag. Diese Ausnahmeregelung gilt jedoch nur für dieses sehr spezifische Produkt und ist für die allermeisten am Markt erhältlichen Zistrosenprodukte nicht anwendbar.
In der Praxis bedeutet das: Der Verkauf von Zistrosenkraut als Tee oder Lebensmittel ist in der EU derzeit nicht zulässig. Viele Anbieter kennzeichnen das Kraut daher als Badezusatz, Duftkraut oder Kosmetik-Rohstoff.
Fazit
Zistrosenkraut blickt auf eine lange traditionelle Verwendung im Mittelmeerraum zurück. Die Studienlage zu traditionellen Aufgüssen ist überschaubar, aber nicht leer. Während viele Arbeiten spezielle Extrakte untersuchen, gibt es einzelne Studien, die sich mit wässrigen Aufgüssen oder dem Kraut selbst beschäftigen. Die Ergebnisse dieser Studien lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres verallgemeinern.
Hinzu kommt die natürliche Variabilität des Rohmaterials, die in kommerziellen Proben deutlich messbar ist. Die rechtliche Einordnung als Novel Food steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zur traditionellen Nutzung in Südeuropa. Für Verbraucher und Anbieter in der EU bedeutet das derzeit klare Grenzen bei der Vermarktung als Lebensmittel.
Die Pflanze bleibt dennoch ein interessanter Forschungsgegenstand – sowohl aus kulturhistorischer als auch aus phytochemischer Sicht.
Quellen
- Kuchta, A. et al. (2021). The effect of Cistus incanus herbal tea supplementation on oxidative stress markers and lipid profile in healthy adults. Cardiology Journal. Link zur Studie
- Bernacka, K. et al. (2022). Antioxidant and Antiglycation Effects of Cistus × incanus Water Infusion. Antioxidants. Link zur Studie
- Kalus, U. et al. (2009). Cistus incanus (CYSTUS052) in the treatment of acute upper respiratory tract infections. Antiviral Research, 84(3), 267–271. Link zur Studie
- Dimcheva, V. et al. (2018). Cistus incanus from Strandja Mountain as a source of antioxidant compounds. Antioxidants. Link zur Studie
- Szeremeta, D. et al. (2017). Qualitative Evaluation of Composition of the Volatile Fraction in Commercial Samples of Cistus incanus L. Acta Chromatographica, 29(3), 427–442. Link zur Studie
- Gaweł-Bęben, K. et al. (2020). Characterization of Cistus × incanus L. and Cistus ladanifer L. Extracts as Potential Multifunctional Antioxidant Ingredients for Skin Protecting Cosmetics. Antioxidants, 9(3), 202. Link zur Studie
- Verbraucherzentrale. Zistrose (Cistus) – rechtliche Einordnung und Verbraucherinformation. Link zum Artikel
Über diesen Blog
Dieser Artikel stammt aus dem Kraft der Natur-Blog. Hier findest du Beiträge über natürliche Zutaten, traditionelle Verwendung, Herkunft, Verarbeitung und wissenschaftliche Hintergründe.

